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In
dem 1978 erschienenen Roman „Kinderlitzchen"
von Horst Ulbricht erlebt man durch die Augen eines 5-6 jährigen
Kindes die
Ereignisse am Ende des 2. Weltkrieges . Der
Junge H. wächst in
einer kleinen Stadt im Fränkischen in
einer verständnislosen, feindseligen Umwelt auf . Immer
wieder sieht er sich mit Situationen konfrontiert, die er nicht
versteht. Was ein „Heilhitler" sei, will er wissen,
und warum dem jetzt der „Arsch auf Grundeis" gehe.
Warum aus manchen Menschen Seife gemacht werde, und wieso man
die Juden nennt.
Auf seine Fragen erfährt er nie die Wahrheit. Dass ein
falsches Wort im Faschismus schon gefährlich oder gar tödlich
sein kann, weiß er nicht. Also
gibt er sich selbst Antworten, interpretiert
die Ereignisse mit den Geschichten seiner Märchenwelt,
und schafft sich mit Hilfe einer regen Phantasie Freiräume.
Durch den Blick des Kindes bekommen die Ereignisse eine fast
surreale Absurdität.
Durch eindringliche Bilder, entlarvend in den Gedanken des aufgeweckten
Kindes, läßt der Roman den Zusammenhang von schwarzer
Pädagogik und Faschismus erahnen.
"Heut
ist Mamas Geburtstag. Gleich am Morgen gibt es Ärger. Er
will nicht mit Seife gewaschen werden, behauptet, daß
die Juden beißen. Mama wird fuchtig. Nicht einmal an ihrem
Geburtstag komme man aus dem Ärger heraus. Ihr Sohn werde
von Tag zu Tag blöder. Den Juden habe der Hitler das Beißen
schon abgewöhnt. Und dann gäbe es hier überhaupt
keine mehr. Sie könnten ihn nicht mehr beißen. Er
wird zwischen die Knie geklemmt, gewaschen. Und sie beißen
doch, stellt er fest. Er ließe auch nicht einfach Seife
aus sich machen, würde auch beißen."
"Heute
macht H. mit Opa einen Spaziergang.
Sie kommen an einem unterirdischen Haus vorbei: Von hier würde
gemeldet, wenn feindliche Bomber kämen, damit die Menschen
in die Keller gehen könnten. Warum feindliche Flugzeuge
kämen? Ja, wer das wüßte!
Auf der Wiese liegt ein Stück Papier: Ein Flugblatt sei
dies. Was darauf stehe? Die Kinder müssten schön brav
sein, stehe da. Doch er sieht, da steht viel mehr. Opa knüllt
es zusammen und wirft es ins Gebüsch. Auf
dem Weg finden sie einen silbrig glänzenden Streifen, wie
Lametta. Stanniol sei das; die amerikanischen Flugzeuge würfen
das ab, um nicht gesehen zu werden. H.
verstaut vorsichtig das Stanniol in seiner Tasche; Warum
die Menschen nicht solche Streifen wie die Flieger nehmen, um
unsichtbar zu sein? Wahrscheinlich gibt es die nur auf Sondermarken."
(aus: "Kinderlitzchen")
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